Allrad

Allrad oder nicht?

Heutzutage besteht offensichtlich ein riesiges Interesse an allradangetriebenen Campingbussen. Auf der “Abenteuer und Allrad” -Messe sieht man neben Expeditionsfahrzeugen auch immer mehr Kastenwagen mit serienmäßigem Allrad (z.B. MB Sprinter) oder nachgerüsteten Versionen in der Gewichtsklasse bis 3,5t Gesamtgewicht.

Einen Kastenwagen bis 3,5t Gesamtgewicht als voll tauglichen Offroad-Campingbus auf die Beine zu stellen, und dabei noch realistische Gewichtsreserven zu haben, scheint fast unmöglich. Realistisch betrachtet wird man es nicht hinbekommen ohne ständig überladen durch die Gegend zu fahren. Diese meist einfache Version eines Allradantriebs, also vier angetriebene Räder ohne Differenzialsperren oder Untersetzung, ist allerdings noch lange nicht Offroad-fähig. Dazu bedarf es wesentlich mehr.

Auf sandigen Pisten tut sich ein 3,5 Tonnen schwerer Kastenwagen mit “Allrad-Light”, also ohne Untersetzungsgetriebe und Differenzialsperren, sehr schwer. Im Nu hat er sich bis zum Bodenblech eingebuddelt. Dann benötigt man Spaten oder Schaufel und Sandbleche, um sich selbst “eine Strasse” legen zu können. Damit die Reifen auf Sand Grip behalten und das Fahrzeug vorwärts bewegen, benötigt man ein Untersetzungsgetriebe und viel Leistung bei niedrigen Drehzahlen, sonst muss der Reifendruck verringert werden um eine bessere Aufstandsfläche zu erhalten. Hierzu braucht man Reifen die dafür konstruiert sind. Bereits bei einfachen Sandpassagen muss oft der Druck schon um 50% oder mehr verringert werden. Da die Reifen beim Weiterfahren (Windseite einer Düne) auf hartem Sand Schaden nehmen würden, müssen sie daher wieder aufgepumpt werden. Ein kräftig dimensionierter Kompressor ist also Pflicht. Da unser Kastenwagen mit Serienallrad nicht immer ein Reduktionsgetriebe besitzt und die Reifendimensionen aufgrund der zulässigen Größen nicht gerade üppig dimensioniert sind, muss bereits sehr früh auf leichten Sandfahrten Luft abgelassen werden.

Die ab Werk verbauten Federungen der Kastenwagen sind für echten Offroadeinsatz völlig unzureichend. Wer auf steinigen Pisten unterwegs ist und tempomässig vorwärtskommen will, muss hier kräftig nachrüsten. Die werkseitigen Blattfedern und Vorderachsfederungen sind bei einem Kastenwagen oft schon auf Asphaltstrassen an ihrer Belastungsgrenze. Gerade wegen der fehlenden Untersetzung und Differenzialsperren muss man öfter Schwung holen um steinige Steigungen zu nehmen. Liegen dann ein paar Felsen rum, war es das dann mit dem Fahrwerk.

Ist der Bus wasserdicht? Also ausnahmsweise nicht gegen das von oben herabregnende Wasser, sondern das bei Flußdurchfahrten von unten eindringende Wasser. Zur Erinnerung: wir haben Löcher im Boden, für Gasfachentlüftung, Abwasser, Überlaufbohrungen und vieles mehr. Außerdem wäre ein Schnorchel für die Motorluftansaugung sinnvoll, sonst läuft das Wasser in den Luftfilter des Motors. Aufgrund der fehlenden echten Offroad-Tauglichkeit müssen wir mit dem Camper ebenfalls mit Schwung durch die Furt fahren. Das führt dazu, dass eine kleine Bugwelle vor dem Fahrzeug aufgebaut wird, und der Motor schneller geflutet wird. Ist die Bordelektronik im Motorraum dann nicht wasserdicht, haben wir ein Problem (Lichtmaschine etc.).

Ist die Spritversorgung überhaupt in der Lage, Steigungen bis 35Grad zu verarbeiten? Wenn der Tank nämlich halb leer ist sammelt sich der verbliebene Kraftstoff in einer Ecke des Tanks und die Dieselpumpe läuft unter Umständen kurzzeitig leer. Schlimmstenfalls bleibt das Fahrzeug auf dem Weg zur Dünenkante dann einfach stehen und muss komplett entlüftet werden. Spezialumbauten mit mehreren Tankanschlüssen und selbst umschaltenden Pumpen sind bei den “echten” Offroadern daher keine Seltenheit.

Unterfahrschutz aus Edelstahl, Rockslider (stabile Rohre zum Schutz der Seitenschweller) und vieles mehr bringen nicht nur den Preis des Fahrzeugs gewaltig in die Höhe, sondern auch das Gewicht sehr schnell an die Grenze des Erlaubten. Kastenwagen mit Allrad sind daher meistens eher in die Kategorie ´nasse Campingplatzwiese´ einzuordnen. Manchmal hat man das Gefühl, dass so manchem Camper das Logo “4x4” am Heck des Fahrzeugs wichtiger ist als seine tatsächlichen Eigenschaften. Denn mutterseelenalleine durch die Wüste Marokkos oder Algeriens zu fahren, ohne ortskundigen Führer muss man sich erst mal zutrauen. Wer alleine in der Wüste unterwegs ist, wo es keinen ADAC Abschleppdienst gibt, der einen wieder aus dem Schlamm zieht, der überlegt sich zweimal ob er die Passage durch den Dreck, oder lieber doch die asphaltierte Route nimmt.

Immer häufiger beobachtet man aber heutzutage, dass sich mitten in Deutschland selbsternannte Offroader nur 50m neben einem Wohnmobil-Stellplatz einfach in die Wiese oder in den Acker stellen. Obwohl noch genügend Stellplätze frei wären. Getreu dem Motto “ich hab Allrad, ich darf das”. Es kann aber nicht sein, dass Kommunen und Gemeinden Stellplätze anbieten, aber sogenannten “Abenteurer” einfach in die Natur brettern, Zerstörungen an Wiese und Wald anrichten, und das Angebot des Stellplatzes nicht nutzen. Selbst in Island, dem ehemaligen Offroad-Paradies dürfen Sie heutzutage die gekennzeichneten Strassen nicht mehr verlassen. Werden Sie dabei erwischt, ist erst mal ihr Fahrzeug weg (beschlagnahmt). Berichten zufolge wird sofort eine hohe Geldstrafe fällig, oder der Ausweis einbehalten, bis Sie diese bezahlt haben. Wem haben wir denn solch strenge Regelungen zu verdanken? Klare Antwort: Offroad-Campern, die in Horden in ein Land einfallen und sich jahrelang einfach rücksichtslos in die Natur hinein gestellt haben, schlimmstenfalls noch ihren Müll und Fäkalien dort lassen. Ich übertreibe? Leider nein.

Deshalb appeliere ich hier an dieser Stelle: wenn Sie unbedingt Allrad benötigen, um Ihre Träume zu verwirklichen, dann gönnen Sie sich es. Aber werden Sie sich der Verantwortung bewusst und verhalten Sie sich naturschonend. In unserer heutigen Welt ist Tourismus leider zu einem massiven auswuchernden Phänomen geworden. Wenn sich Camper mit ihren 4x4´s in Zukunft nur noch durch Wiesen und Wälder bewegen, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn eines Tages Verbote und Kosten immer weiter zunehmen.

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